Teslas Grünheide-Glanz bekommt tiefe Kratzer
Vor mehr als fünf Jahren kam Tesla nach Grünheide bei Berlin und sorgte für Aufruhr. Nun hat sich der Widerstand gegen Elon Musks Unternehmen global ausgeweitet. Die goldene Ära des Unternehmens scheint zu Ende zu gehen. Neues Buch über die Gigafabrik. Von Pia Hesse
Jüngst präsentierte US-Präsident Donald Trump neueste Tesla-Modelle vor dem Weißen Haus und soll sich sogar selbst eines gekauft haben. Neben ihm stand der Leiter des „Department of Government Efficiency“ (DOGE) und Tesla-Chef Elon Musk.
Trumps Auto-Show hatte vor allem einen Grund: Tesla fährt geradewegs bergab, und Musk verliert zunehmend an Ansehen. Seit Dezember hat sich der Aktienkurs des Autoherstellers fast halbiert, und damit schrumpft auch Musks riesiger, aber fragiler Reichtum.
Die Kritik häuft sich weltweit. Die kanadische Stadt Toronto kündigte an, Tesla aus der Elektroauto-Förderung auszuschließen. In China kann sich das Unternehmen gegen die starke Konkurrenz nicht mehr durchsetzen.
Auch in Deutschland zeigen die Fahrzeugzulassungen laut Kraftfahrt-Bundesamt einen deutlichen Rückgang. Im Februar gab es im Vergleich zum Vorjahr rund 75 Prozent weniger Tesla-Neuzulassungen. Teslas goldene Ära scheint vorüber.
Was sich in letzter Zeit global ausweitet, ist für Deutschland allerdings nichts Neues. Proteste gegen Tesla und auch gegen Elon Musk selbst sind hier schon seit fünf Jahren im Gange. Was den Widerstand in der Gemeinde Grünheide bei Berlin jedoch von dem großen, globalen unterscheidet, ist sein Schwerpunkt – in Brandenburg geht es vor allem um den Schutz der Umwelt.
„Tesla konnte nur eines werden: ein Riesenerfolg“
Am 22. März jährte sich die Eröffnung der einzigen Tesla-Fabrik Europas zum dritten Mal. „Mit dem Produkt E‑Auto, dessen Siegeszug auf Deutschlands Straßen mit vielfachen Förderprogrammen durchgesetzt werden sollte, und unter Leitung eines wirtschaftlich extrem erfolgreichen Firmenchefs konnte Tesla in Grünheide nur eines werden: ein Riesenerfolg“, schreibt Heidemarie Schroeder in ihrem Buch „Eine Gigafabrik in Grünheide – Oder der Albtraum vom grünen Kapitalismus“.
Aus dem kürzlich erschienenen Werk liest die studierte Zahnmedizinerin Mitte März in Berlin-Kreuzberg. Die kleine Buchhandlung „Schwarze Risse“ ist mit fast 40 Menschen gut gefüllt – darunter Mitglieder des Berliner Wassertisches und des Bündnisses „Tesla den Hahn abdrehen“. Auch die Frage, ob jemand von Tesla anwesend sei, kommt bei der Lesung auf. Das Publikum antwortet mit Stille.
Wie die Gigafabrik zum Großteil in einem Trinkwasserschutzgebiet und umgeben von einem Landschaftsschutzgebiet wuchs, erlebte Schroeder als Grünheiderin von Anfang an mit. Ihr Buch entstand auch aus dem Bedürfnis, Wissen zu vermitteln und aufzuklären, das auf ihre Zeit als wissenschaftliche Assistentin an der Charité zurückgeht.
Ihre anfängliche Dokumentensammlung über die Vorgänge bei der Gigafabrik sei für sie eine Art Schreibtherapie gewesen, erklärt sie bei der Lesung. Nach einigen Monaten sei sie zu dem Entschluss gekommen, dass daraus eher ein Buch entstehen sollte.
Musks Idee vor etwa fünf Jahren, in Brandenburg eine Gigafabrik zu erbauen, wurde in Rekordzeit umgesetzt. Dabei rollte Deutschland Tesla förmlich den roten Teppich aus.
Schroeder schreibt im Buch auch über das Bundesimmissionsschutzgesetz, das den Bau der Fabrik parallel zum Genehmigungsverfahren ermöglichte – eine endgültige Genehmigung lag zum Baubeginn also noch nicht vor. Sie kritisiert auch, dass die Anwohner:innen nicht frühzeitig über die Pläne informiert wurden. Das habe ihr Demokratieverständnis ins Wanken gebracht.
Umstieg auf E‑Antrieb keine nachhaltige Alternative
Die Buchautorin lebt in einem Haus, das von viel Natur umgeben ist. Sie schreibt von unzähligen Fliederbüschen und dem Blick auf die Spreeauen. Anfänglich erwog Schroeder einen Verkauf, da sie mit Tesla schwierige Zeiten auf die Region zukommen sah. Doch ihre Familie überzeugte sie, an dem Domizil festzuhalten.
Anstatt den riesigen Bau nur wartend hinzunehmen, entschloss sich Schroeder, sich tiefer mit der Tesla-Ansiedlung zu beschäftigen. Anfang 2020 schloss sie sich der Bürgerinitiative Grünheide an und gründete später die Wassertafel Berlin-Brandenburg mit. „Ich bin nur ich, aber ich bin persönlich betroffen, und das qualifiziert mich, dieses Buch geschrieben zu haben“, erklärt Schroeder dem Publikum in der Buchhandlung.
Im Buch wird schnell klar: Ein Umstieg auf Elektroantrieb stellt für die Autorin keine wirklich nachhaltige Alternative für den Verkehrssektor dar. Zu hoch seien die bei der Produktion entstehenden CO2-Belastungen, die bei der derzeitigen Leistung der E‑Autos über die Nutzungszeit nicht ausgeglichen werden.
Überhaupt bleibe der „ökologische Rucksack“ der Autos zu groß. Schroeder sieht die Alternativen zum „Autoindividualverkehr“ beispielsweise beim Laufen für kurze Strecken und dem Fahrrad für längere.
Im Buch geht es auch um den Widerstand gegen die Fabrik. Die Wahrnehmung ihrer Rechte wurde den Anwohner:innen von Anfang an schwer gemacht: „Die Standortwahl war unumkehrbar getroffen worden, ehe auch nur einer oder eine der direkt oder indirekt Betroffenen davon Wind bekam.“
Eine deutliche Änderung der Protestformen gab es für Schroeder mit der Eröffnung der Tesla-Fabrik. Sie erzählt von Umweltaktivist:innen, die sich von der angrenzenden Autobahn abseilten und den Verkehr blockierten.
Im Februar 2024 kam dann noch ein Protestcamp hinzu, als es um die Erweiterung des Geländes und damit um weitere Rodungen ging. Der sogenannte „Wasserwald“ wurde jedoch Ende des vergangenen Jahres polizeilich geräumt.
Obwohl die Gigafabrik nun seit drei Jahren steht, ist der Widerstand nicht vorbei. Grünheide geht global. Tesla-Investor Ross Gerber fordert, dass Musk als Firmenchef zurücktritt. Tesla stecke in einer Krise und Musk vernachlässige das Unternehmen völlig, kritisierte Gerber laut Medienberichten.
Der Protest in Grünheide war also nicht nutzlos. Gegen ein globales Unternehmen braucht es möglicherweise globalen Widerstand.
- Heidemarie Schroeder „Eine Gigafabrik in Grünheide – Oder der Albtraum vom grünen Kapitalismus“ Büchner-Verlag 2025
- Inhaltsverzeichnis (PDF)
- Leseprobe (PDF)
- Buchflyer (PDF)
Quelle
Der Bericht wurde von der Redaktion „klimareporter.de“ (Pia Hesse) 2025 verfasst – der Artikel darf nicht ohne Genehmigung (post@klimareporter.de) weiterverbreitet werden!